Aus den Sammlungen: Die Sammlung Josef Fenneker der Deutschen Kinemathek

In dieser Reihe stellen wir Sammlungen vor, die in der Deutschen Digitalen Bibliothek zu finden sind und geben so Einblick in die vielfältigen Objekte unserer Partnerinstitutionen. Wir beginnen mit der Sammlung Josef Fenneker der Deutschen Kinemathek.

Seit 1963 sammelt die Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen in Berlin alles, was zur deutschen Film- und Fernsehgeschichte gehört – vom Vorlass des Regisseurs Werner Herzog bis zum Nachlass Marlene Dietrichs. Daneben beherbergt sie auch den fast vollständig überlieferten Bestand der Filmplakate von Josef Fenneker. Dazu gehören rund 340 Plakate und zahlreiche originale Plakatentwürfe, deren Zustand jedoch teilweise bereits so fragil ist, dass sie der Öffentlichkeit nicht mehr vollständig im Original präsentiert werden können. Umso wichtiger ist es daher, dass sie in digitaler Form in der Deutschen Digitalen Bibliothek bewundert werden können.

Expressionistische Bildelemente: Plakat zu "Der Januskopf" (1920), Deutsche Kinemathek Museum - Museum für Film und Fernsehen, Stadtmuseum Bocholt - Museum für Geschichte, Kunst & Kultur (Rechte vorbehalten - Freier Zugang)

1895 in Bocholt (Nordrhein-Westfalen) geboren, wird Josef Fenneker schon auf seinem Schulabschlusszeugnis zeichnerisches Talent bescheinigt. Das Studium an der Kunstakademie in München muss er aber unterbrechen, als er 1915 zum Militär eingezogen wird. 1917, noch vor dem Ende des Ersten Weltkriegs, wird Fenneker als Kriegsverletzter entlassen und nimmt sein Studium an der Lehranstalt des Kunstgewerbemuseums in Berlin prompt wieder auf.

Josef Fennekers künstlerisches Schaffen nimmt mit Filmplakaten seinen Anfang. Ab 1918 beginnt er im Auftrag der neu gegründeten Universum Film AG, besser bekannt als Ufa, Plakate für Berliner Kinos zu entwerfen. Mit ihnen erweckt er nicht nur das Interesse der Öffentlichkeit, sondern auch des Direktors der Marmorhaus-Lichtspiele am Kurfürstendamm, Siegbert Goldschmidt. Goldschmidt holt den jungen Künstler 1919 an sein Kino.

Für Fenneker beginnt damit eine sechsjährige Schaffensphase, die sich nicht nur durch Produktivität, sondern auch durch Innovation auszeichnet. Mit dem Kino der Weimarer Republik erlebt der deutsche Stummfilm eine Blütezeit, und die Nachfrage nach Filmplakaten wächst stetig. Achtzig Prozent von Fennekers grafischen Zeichnungen, das sind insgesamt 364 Plakate, entstehen zwischen 1918 und 1925. Fenneker mischt Art déco Elemente mit solchen des Expressionismus und schafft so ungewöhnlich ausdrucksstarke, experimentelle, teilweise abstrakte Filmplakate, die die Grenzen zwischen Gebrauchsgrafik und Kunst überschreiten.

Art déco Elemente: Plakat zu "Der brennende Acker" (1922), Deutsche Kinemathek Museum - Museum für Film und Fernsehen, Stadtmuseum Bocholt - Museum für Geschichte, Kunst & Kultur (Rechte vorbehalten - Freier Zugang)

Expressionistische Elemente, Figuren mit ausdrucksstarker Körpersprache und aquarellhafte Pinselstriche, oft auf schwarzem Hintergrund, werden zum Markenzeichen von Fennekers Plakatkunst. Seine Entwürfe sind immer atmosphärisch, oft beunruhigend und erwecken trotzdem Neugier auf den beworbenen Film. Indem ihre Figuren in neuen Zusammenhängen inszeniert werden, üben dank Fenneker selbst Filme, die ästhetisch eher konventionell sind, einen besonderen Reiz aus. Er schafft Bilder, die das Grauen der frühen Gruselfilme, die Modernität und erotische Faszination des jungen Kinos eindrücklich einfangen und, genau wie die Filme, den Nerv der Zeit treffen.

Doch damit nicht genug: Im Auftrag Goldschmidts verantwortet Fenneker die künstlerische Neugestaltung mehrerer Berliner Kinos und ist von 1920 bis 1922 künstlerischer Gesamtleiter des Luna-Parks in Berlin-Halensee, der damals größte Vergnügungspark Europas. Schon 1924 steht Siegbert Goldschmidt allerdings vor dem finanziellen Ruin: Das Marmortheater muss schließen, und Fenneker verliert seinen wichtigsten Auftraggeber. Doch auch bei anderen Kinobetreibern ist Fenneker plötzlich weniger gefragt – sein experimenteller Zeichenstil gilt für gängige Werbung als wenig geeignet. 1925 etwa entwirft er nur acht Filmplakate.

Ab 1928 beginnt Fenneker vermehrt Bühnenbilder für Revuen und Theatervorstellungen zu kreieren. Daneben fertigt er Modezeichnungen für verschiedene Zeitschriften an. Dem Film bleibt Fenneker aber auch weiterhin treu und zeichnet Filmplakate und Filmkulissen. Sein Zeichenstil wird gefälliger, expressionistisch-kantige Linien werden abgerundet, die Eleganz ersetzt Expressivität und auf unheimliche Elemente wird selbst bei Gruselfilmen verzichtet.

In der Darstellung von Abenteurerthemen finden sich selbst in der NS-Zeit Bildelemente, die an Fennekers frühe Filmplakate erinnern: Dramatischer Bildaufbau, Dynamik und perspektivische Finessen: Entwurf zu "Der Kurier des Zaren" (1936), Deutsche Kinemathek Museum - Museum für Film und Fernsehen, Stadtmuseum Bocholt - Museum für Geschichte, Kunst & Kultur (Rechte vorbehalten - Freier Zugang)

Im Nationalsozialismus bleibt Fenneker als Bühnenbildner und Plakatkünstler aktiv. Auch wenn er nicht in die NSDAP eintritt und seine politischen Ansichten nie öffentlich äußert, passt er sich ideologisch und stilistisch an den Machtwechsel an. Von der expressionistischen Formsprache seiner frühen Zeichnungen entfernt er sich nun vollends. Stattdessen verwendet er breite Pinselstriche, kräftige Deckfarben und gibt seine Motive fast fotorealistisch wieder.

Seine Plakate erinnern jetzt an statische Ölgemälde – die Dynamik seiner früheren Entwürfe scheint nur noch selten durch. Thematisch widmet er sich vor allem unpolitischen Unterhaltungsfilmen. Fenneker tritt außerdem der „Reichskammer der bildenden Künste“ bei, äußert sich im Völkischen Beobachter polemisch über seine ästhetischen Vorstellungen und wird als „deutscher Propaganda-Künstler“ vermarktet. Ab Mitte der 1930er Jahre widmet sich Fenneker vermehrt dem Theater und arbeitet ab 1938 am Schiller-Theater in Berlin.

Fotorealismus, kräftige Farben, kaum Dynamik: Plakat zu "Sonnenstrahl" (1933), Deutsche Kinemathek Museum - Museum für Film und Fernsehen, Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen, Berlin (Rechte vorbehalten - Freier Zugang)

Seine angepasste Haltung während des Nationalsozialismus steht Fenneker nach Ende des Zweiten Weltkriegs nicht dabei im Wege, seine Karriere als Bühnenbildner fortzuführen. Er arbeitet nun nicht nur in Deutschland, sondern nimmt auch Gastaufträge in Stockholm, Helsinki oder Mailand an. Filmplakate entwirft er nur noch für „Affaire Blum“ (1948) und „Hoffmanns Erzählungen“ (1951). 1956 stirbt Fenneker im Alter von 60 Jahren in Frankfurt am Main. In seinem Nachruf findet seine Plakatkunst keine Erwähnung – er bleibt der Öffentlichkeit zunächst als Bühnenbildner im Gedächtnis. Inzwischen sind Fennekers Plakatarbeiten wieder ins Zentrum der kollektiven Aufmerksamkeit gerückt und eng mit dem visuellen Erbe des Weimarer Kinos verbunden.

 

Josef Fenneker in der Deutschen Digitalen Bibliothek…

 

Quellen

https://www.deutsche-kinemathek.de/de/sammlungen-archive/sammlung-digital/sammlung-josef-fenneker

https://www.tagesspiegel.de/kultur/digitalisierte-filmplakate-von-josef-fenneker-revolution-im-zickzack/20864286.html