Ab nach New York! Eine Geschichte der Auswanderung im 19. Jahrhundert in Bildern

Von Sonja Dolinsek (Projekt Neustart Kultur)

Anlässlich der Internationalen Tags der Migranten am 18. Dezember veröffentlichen wir einen Beitrag zur Geschichte der Auswanderung aus Deutschland im 19. Jahrhundert.

Levi’s – wer kennt die Jeansmarke nicht? Weniger bekannt als die Marke dürfte die Geschichte ihres Namengebers sein: Levi Strauss. Strauss war deutscher Emigrant. Im Jahre 1853 wanderte er im Alter von 24 Jahren mit seiner Mutter und zwei Geschwistern aus dem fränkischen Buttenheim über Bremerhaven in die USA aus. Zwanzig Jahre später, 1873, ließ er in San Francisco die bis heute bekannte Jeans, die Levi's Brown Duck Trousers“, patentieren.

So sah eine Levi’s Männerjeans in den 1990er Jahren aus: “Levis“, Museum Europäischer Kulturen der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz (Namensnennung - Nicht kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland)

Sprechen wir heute über Migration, denken wir eher an Einwanderung als an Auswanderung. Es zieht viel mehr Menschen nach Deutschland als es Deutsche in andere Länder zieht. Und dennoch galt Deutschland lange als Auswanderungsland. Im 19. Jahrhundert wanderten viele Millionen von Menschen aus dem Raum des heutigen Deutschland aus. Dieser Geschichte widmet sich dieser Beitrag.

Erste Abwanderungen aus Europa fanden zeitgleich zur europäischen kolonialen Expansion zwischen 1500 und 1800 statt. Im 18. Jahrhundert wanderte knapp eine halbe Million Menschen aus dem deutschsprachigen Raum, vor allem aus Süd- und Südwestdeutschland, nach Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa aus. Ab den 1830er Jahren migrierten zunehmend Menschen aus ländlichen Gebieten in die USA, zuerst vor allem die über die Rheinschifffahrt gut angebundenen Badener.

Aber erst ab den 1820er Jahren und bis in die 1920er Jahre - im sogenannten 'langen 19. Jahrhundert‘ - wanderten um die 60 Millionen Menschen aus Europa aus. Die Mehrheit unter ihnen – zwei Drittel – ließen sich in Nordamerika und, insbesondere, in den USA nieder. Waren es 1846 noch 57.500 Auswanderer aus dem Deutschen Bund, machten sich gerade mal zehn Jahre später (1854) bereits 215.000 auf den Weg nach Amerika. Nur ein prozentual kleiner Anteil migrierte nach Südamerika oder Australien und Neuseeland.

Dieses Schaubild zeigt Umfang und Fluktuation der deutschen Auswanderung zwischen 1830 und 1900. Aus Oltmer, Jochen. Überseeische Migration im 19. und 20. Jahrhundert: Deutschland als Auswanderungsland, Pädagogische Rundschau 72 (2), 2018, S. 163-190, 179 (CC BY 4.0)

Verschiedene Gründe motivierten zur Migration. Für viele war die Auswanderung eine Antwort auf Armut und geringe Erwerbschancen. Migration versprach die Verbesserung der eigenen wirtschaftlichen Situation. Auch Levi Strauss, der damals noch Löb Strauss hieß, wanderte aus ökonomischen Gründen aus, denn die jüdische Familie hatte es in Bayern nicht einfach. Nach dem Tod seines Vaters hatte sich die bereits prekäre finanzielle Situation der Familie noch verschärft und, wie viele andere, entschieden sie sich für die Auswanderung.

Aber auch politische und religiös-konfessionelle Gründe spielten vor allem in den Jahren der Revolution von 1848/49 und um 1878 (Sozialistengesetze) eine Rolle. Im 19. Jahrhundert wuchs außerdem die Bevölkerung besonders stark und verschärfte die bereits prekäre Lage vieler Menschen. „Zwischen 1800 und 1850 nahm die Bevölkerung auf dem Gebiet des späteren Deutschen Reiches (ab 1871) von etwa 23 auf über 35 Millionen zu“, erklärt der Historiker Jürgen Osterhammel.

Gleichzeitig war Migration durch viele Hürden geprägt. Wird heute Migration vor allem durch Einreisebeschränkungen eingeschränkt, war im 19. Jahrhundert eher die Ausreise eingeschränkt und genehmigungspflichtig. Ein Hauptgrund für die Einschränkung der Auswanderung vor allem junger Männer war die Militärpflicht. Außerdem musste sichergestellt werden, dass Emigrantinnen keine privaten Verpflichtungen, wie z.B. Schulden, hatten. In einigen Staaten des Deutschen Bundes mussten sie ihr Auswanderungsvorhaben nicht nur beantragen, sondern auch öffentlich ankündigen. Nur in seltenen Fällen förderten lokale Behörden und Staaten die Ausreise bestimmter Personengruppen, z.B. von politisch missliebigen Personen oder von Armutsbetroffenen, die als Belastung betrachtet wurden. Für Letztere war eine Rückkehr meistens verboten.

Wie schwer die Rückkehr nach einer genehmigten Auswanderung war, zeigt die Geschichte der Auswandererin Dorothea Schäfer aus Sindelfingen. Vernehmungsprotokoll, Oberamt Böblingen, 23. Juni 1851. Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Staatsarchiv Ludwigsburg (F 157 Bü 99 i). Permalink des Objekts

Obwohl Migration lange als Männerphänomen galt, migrierten auch Frauen, wie Dorothea Schäfer. Zwischen 1880 und 1920 machten Frauen zwischen 30 bis 50% der Einreisenden in die USA aus. Manche reisten mit ihrer Familie oder ihrem Ehemann. Aber auch alleinstehende Frauen entschieden sich für die Migration, in der Hoffnung auf bessere Chancen und mehr Unabhängigkeit.

Männer, Frauen, Familien, Kinder wanderten mit ihrem Hab und Gut aus. „Auswanderer auf dem Lehrter Bahnhof“ (1880), Stiftung Stadtmuseum Berlin (CC0 1.0 Universell - Public Domain Dedication)

Die Organisation der Überfahrt erforderte viel Wissen, Organisationsgeschick und natürlich auch Geld. Eine Überfahrt nach New York kostete in den 1850er Jahren mehr (um die 34 Thaler) als das Jahresgehalt eines einfachen Landarbeiters einbringen konnte (um die 24 Thaler). Wer auswanderte, musste es sich leisten können. Dennoch wendeten die Emigrierenden oft bis zur Hälfte ihres Jahresgehaltes für die Reise auf.

„Auswanderer-Karte und Wegweiser nach Nordamerika... insbesondere für auswandernde Handwerker und Bauern.“ Deutsche Fotothek, Foto von Christa Hüttel (Rechte vorbehalten - Freier Zugang)

Die stetige Verbesserung und der Ausbau von Kommunikations- und Transportmitteln erleichterte die Migration und begünstigte ihren stetigen Anstieg. Wer bereits im Ausland war, konnte auf einfacherem Wege (Post) über den Prozess der Auswanderung und die Situation vor Ort informieren. Dies führte nicht selten zu Familien- und Gruppenauswanderungen. Sogenannte "Auswandererkarten" boten eine schnelle Übersicht der Schifffahrtsrouten aus Europa nach Nordamerika.

In der Auswanderungszeitung konnten sich Auswanderungswillige über verschiedene Zielorte informieren und Erfahrungsberichte lesen. Verschiedene Unternehmen – von Reedereien, wie der Norddeutsche Lloyd, bis hin zu Paketversanddiensten – platzierten dort ihre Werbung. Aus „Allgemeine Auswanderungs-Zeitung“ 15, 1861, S. 26. Bayerische Staatsbibliothek/Münchner Digitalisierungszentrum. (Nicht urheberrechtlich geschützt – Keine kommerzielle Nachnutzung)

Das Dampfschiff

Das Dampfschiff löste im Laufe des 19. Jahrhunderts das Segelschiff zunehmend ab. Mit der Einführung des regelmäßigen Linienverkehrs mit Dampfschiffen legte die Auswanderung weiter an Fahrt zu. Während ein Segelschiff 44 Tage für die Überfahrt benötigte, waren es für das Dampfschiff nur noch 14 Tage. Das erklärt auch, warum sich die Zahl der Dampfschiffe, die vom Hamburger Hafen starteten, zwischen den 1870er und den 1890er Jahren mehr als vervierfachte. Die Beförderung von Migrierenden mit Segelschiffen brach entsprechend ein. 1897 verließen nur noch zwei Segelschiffe den Hamburger Hafen mit Auswanderungswilligen an Bord. Zum Thema haben wir eine Bildergalerie für Sie zusammengestellt:

Aktivieren Sie die Bildergalerie per Klick auf das Foto.
1) Hochseepassagierdampfer der Hapag im Hafen (von Hamburg?) (1913), Foto: Oswald Lübeck, Deutsche Fotothek (Public Domain Mark 1.0)
2) „Die Auswanderung über Hamburg seit 1846“, in: Tabellarische Übersichten des hamburgischen Handels (1897), Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky (CC BY 4.0)
3) Plakat: Red Star Line Antwerpen – Amerika, Henri Cassiers, Kupferstich-Kabinett (Rechte vorbehalten - Freier Zugang)
4) Bildpostkarte: Red Star Line, Antwerp.-Dover-New York. Historische Bildpostkarten - Universität Osnabrück - Sammlung Prof. Dr. Sabine Giesbrecht (CC BY-NC-SA 4.0)

Von Galizien nach New York: Transit- und Durchgangsmigration

Ab den 1880er Jahren nahm die Auswanderung aus dem östlichen Europa über Hamburg, Bremerhaven und die Niederlande stark zu. Aus dem damaligen Zarenreich, aber auch aus Russisch-Polen und Galizien versuchten immer mehr Menschen der Armut, sowie der staatlichen Repression zu entkommen. Die Judenpogrome im russischen Zarenreich in den frühen 1880er Jahren und um 1900 führten zu einer Massenauswanderung.

Jüdische Migrant*innen begegneten jedoch auf fast allen Etappen ihrer Reise verschiedenen Hürden, aber auch diskriminierenden Praktiken. So war es schon schwer genug, an Ausreisedokumente zu kommen und oft reisten Juden de facto illegal aus. Auch die Durchreise durch das Deutsche Reich auf dem Weg zum Hamburger oder Bremer Hafen war nicht einfach, denn 1892 verhängte die preußische Regierung ein Einreiseverbot für Migrierende aus Russland und Österreich-Ungarn. Nachdem 1892 in Hamburg eine Cholera-Epidemie ausgebrochen war, wurden die Migrierenden, insbesondere russisch-jüdische Migrant*innen, in einem „rassistisch konturierten Hygienediskurs“ als „unsauber“ und „ansteckend“ dargestellt. Hinzukam, dass auch in den USA die Einwanderer*innen zuerst medizinisch untersucht und teilweise auf Kosten der Reedereien zurückgeschickt wurden, wenn sie krank waren.

Hinrich, Johann Hinrich W., „Auswandererhallen auf der Veddel“, 1909. Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (CC0 1.0 Universell - Public Domain Dedication)

Für die norddeutschen Reedereien führten die Einreise- und Durchreisebeschränkungen zu spürbaren finanziellen Verlusten. Auch die zunehmend restriktiven Grenzkontrollen in den USA verlangten nach Maßnahmen. So richteten sie auf eigene Kosten an den östlichen Grenzen und Bahnhöfen sogenannte „Kontroll- und Desinfektionsstationen“ an. In Hamburg errichtete die HAPAG und in Bremen der Norddeutsche Lloyd sogenannte „Auswandererhallen“. Hier wurden die Migrant*innen medizinisch untersucht und, zusammen mit ihren Habseligkeiten, desinfiziert.

Für die Auswanderer waren diese Erfahrungen alles andere als angenehm. So ist es auch wenig verwunderlich, dass sie neue Wege suchten, um nach Amerika zu kommen, beispielsweise über Basel–Freiburg–Straßburg nach Rotterdam und Antwerpen. Das fiel auch den deutschen Behörden zunehmend auf.

„Zur Sicherung der Auswanderer getroffene Vorkehrungen, Warnung vor Auswanderung“ (1904), Landesarchiv Baden-Württemberg (CC BY 3.0 DE)

Auf dem Schiff

Auf den Dampfschiffen waren die Passagiere in unterschiedliche Klassen unterteilt. Entsprechend unterschied sich auch der Komfort und der Platz, den jeder Person zur Verfügung stand.

Es gab genug Zeit für Unterhaltung, wie hier bei einem Gesellschaftsspiel auf dem Deck eines HAPAG-Dampfers. „Hochseepassagierdampfer "Cleveland" der Hapag Hamburg (Hamburg-Amerika-Linie). Gesellschaftsspiel auf einem Deck“ (ca. 1909-1914). Fotograf: Oswald Lübeck. Deutsche Fotothek (Public Domain Mark 1.0)

 

Auch Kinder konnten ihre Zeit vertreiben, z.B. mit zwei gar nicht kleinen Schildkröten. “Hochseepassagierdampfer "Moltke" der Hapag Hamburg (Hamburg-Amerika-Linie). Sonnendeck mit zwei Kindern im Reitsitz auf Suppenschildkröten (Chelonia mydas). Fotograph: Oswald Lübeck. Deutsche Fotothek (Public Domain Mark 1.0)

New York – Ankunft in Ellis Island

Wer nach New York reiste, kam in Ellis Island an. Eine reibungslose Weiterreise war nicht gewährleistet. Ab den 1880er Jahren verschärften die USA die Einwanderungskontrollen und wiesen Migrierende teilweise ab. Einige mussten vor Ort unterkommen, bevor sie ihre Reise fortsetzen konnten.

Der Erste Weltkrieg

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges kam die transatlantische Auswanderung zum Erliegen. Die Migrationsbewegungen, die dem Krieg folgten, waren nun geprägt durch die menschlichen, politischen und wirtschaftlichen Folgen des Krieges. Doch dies ist eine andere Geschichte.

Die Geschichte der Menschheit ist immer auch eine Geschichte der Migration und Mobilität, eine Geschichte der Menschen, die woanders ein anderes Leben suchen und aufbauen. Die Bedingungen der Migration ändern sich stetig und bedingen die Erfolgschancen der Migrierenden. Die Geschichte der Migration bietet hier spannende Einblicke in persönliche Geschichten, die mal von Erfolg, mal von Scheitern geprägt sind.

 

Links

Deutsches Auswandererhaus: https://dah-bremerhaven.de/exhibitions/auswanderung

„Von Hamburg in die weite Welt“, NDR, 10.2.2012. URL: https://www.ndr.de/geschichte/chronologie/Auswanderer-um-1900-Von-Hamburg-nach-Amerika,auswanderunghamburg101.html

Klein, Julia. „'The Great Departure' details forces behind Eastern European migration”, Chicago Tribune 2016, URL: https://www.chicagotribune.com/entertainment/books/ct-prj-great-departure-tara-zahra-20160317-story.html

„Heimat ohne Hoffnung - Auswanderer aus Worringen nach Nordamerika im 19. Jahrhundert“, Heimatarchiv Worringen e.V., URL: https://heimatarchiv-worringen.de/index.php/wussten-sie-schon/233-auswanderung-als-phaenomen-und-thema-des-19-jahrhunderts

Virtuelle Ausstellung für Jugendliche mit Originaltexten zum Anhören: "Fremd geblieben und ohne wirkliche Heimat" — Die Geschichte der Auswandererin Dorothea Schäfer aus Sindelfingen, URL: https://www.landesarchiv-bw.de/de/themen/praesentationen---themenzugaenge/43211

„Lesung von Auswandererbriefen aus dem Staatsarchiv Ludwigsburg“, URL: https://www.landesarchiv-bw.de/de/themen/praesentationen---themenzugaenge/60592

„Mit dem Dampfer nach New York“, NDR, 25.5.2021, URL: https://www.ndr.de/geschichte/chronologie/Als-die-ersten-Dampfschiffe-der-Hapag-nach-New-York-fuhren,dampfschiffe102.html

„Hapag und Norddeutsche Lloyd: Vom Konkurrenzkampf zur AG“, NDR, 1.9.2020, URL: https://www.ndr.de/geschichte/chronologie/Hapag-und-Norddeutsche-Lloyd-Vom-Konkurrenzkampf-zur-AG,hapag174.html

„Deutsch-amerikanische Geschichte: Nicht kaputtzukriegen“. Zeit Online, 23. August 2011, URL: https://www.zeit.de/zeit-geschichte/2011/03/Levi-Strauss

„Das 19. Jahrhundert“, Informationen zur politischen Bildung Nr. 315/2012, URL: https://www.bpb.de/izpb/142102/das-19-jahrhundert

Wissenschaftliche Studien

Cohn, Raymond L. und Simone A. Wegge. Overseas Passenger Fares and Emigration from Germany in the Mid-Nineteenth Century. Social Science History 41(3), 2017, S. 393–413.

Oltmer, Jochen. Überseeische Migration im 19. und 20. Jahrhundert: Deutschland als Auswanderungsland, Pädagogische Rundschau 72 (2), 2018, S. 163-190.

Reinecke, Christiane. Grenzen der Freizügigkeit. Migrationskontrolle in Großbritannien und Deutschland, 1880–1930, München 2010. Open Access: https://www.degruyter.com/document/doi/10.1524/9783486707601/html

Oltmer, Jochen (Hg.). Migration. Geschichte und Zukunft der Gegenwart, Darmstadt 2020.

Oltmer, Jochen (Hg.). Handbuch Staat und Migration in Deutschland seit dem 17. Jahrhundert, München 2015. URL: https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/9783110345391/html

Osterhammel, Jürgen. 1800 bis 1850, in: „Das 19. Jahrhundert“, Informationen zur politischen Bildung Nr. 315/2012, URL: https://www.bpb.de/izpb/142105/1800-bis-1850